Netz[werk]gesellschaft, globale Ströme und Konsensfindung März 30, 2008
Posted by louiekerzers in 02 Informationsgesellschaft.Tags: Community, Demokratie, Global Village, Konsensfindung, Mem, Memetik, Netzgesellschaft, Netzwerkgesellschaft, Volksherrschaft
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Worin liegt eigentlich der Unterschied zwischen der Netzwerkgesellschaft und der Netzgesellschaft im Sinne des ‘global Village’? Nach meinem derzeitigen Verständnis - d. h. nach dem Lesen von Castells - ist mit Netzgesellschaft eher die Internetgesellschaft bezeichnet, also eine Gesellschaft, die es ohne Internet nicht gibt. Eine Netzwerkgesellschaft hingegen ist eine Gesellschaft, die primär auf soziale oder wirtschaftliche Netzwerke gestützt funktioniert. Diese können selbstverständlich auch ohne Internet bestehen. Aber ohne die modernen Möglichkeiten der Vernetzung würden sie unter Umständen nicht gleichermassen effizient funktionieren. Mein persönliches Fazit aus diesem Gedanken besteht darin, dass viele Eigenschaften der agierenden Persönlichkeiten in der Netzgesellschaft auch schon vor der Erfindung der elektronischen Medien bestanden. So war und ist jemand, der in einer Bibliothek steht und eine Antwort auf seine Fragen sucht genauso in ein Netzwerk eingebunden wie das Mitglied im Forum einer Community. Auch was die Zusammenarbeit und die damit verbundene Konsensfindung im Netz betrifft - also die Frage: Wie kann eine Herrschaftslose Masse etwas zustande bringen? -, so stossen wir auf die selben Fragezeichen, welche bereits Generationen vor uns sahen, als es um die Frage nach Demokratie ging.
Hierzu wurden in der Geschichte reichlich Überlegungen angestellt, die nach alter Vorstellung gegen die Demokratie sprechen. Die Gesellschaftsmodelle von damals, welche aus unserer Sicht am ehesten der Demokratie entsprechen, waren meist utopische Vorstellungen, welche nicht eine tatsächliche Demos-[Volks-] Kratia[Herrschaft] anstrebten, sondern eine Herrschaftsform, welche sich stärker auf die Gerechtigkeit gegenüber dem Volk konzentrierte als die zur entsprechenden Zeit aktuellen politischen Systeme.
In Bezug auf das Agieren der Massen im Internet finde ich persönlich hilfreich, was Niccolò Machiavelli in der Zeit zwischen 1513 und 1522 in seinem Buch “Discorsi”5 über die Herrschaft des Volkes geschrieben hat:
“Die Natur der Volksmassen ist daher nicht schlechter zu beurteilen als die eines Machthabers. Beide lassen sich in gleichem Masse Verfehlungen zuschulden kommen, wenn sie es können, ohne die Gesetze fürchten zu müssen. Hierfür sprechen ausser den bereits angeführten Fällen viele Beispiele aus der Geschichte der römischen Kaiser und anderer Tyrannen und Alleinherrscher, bei denen man grössere Unbeständigkeit und jäheren Wechsel in ihrem Verhalten beobachtet, als man je bei irgendeiner Volksmenge finden wird. [...] Und irrt es auch, wenn ihm wie oben erwähnt, kühne und nützlich erscheinende Projekte vorgeschlagen werden, so irrt ein Alleinherrscher, der in seine Leidenschaften verstrickt ist, erst recht; denn er hat deren viel mehr als das Volk. [...] Nie wird man das Volk überzeugen können, dass es von Vorteil sei, einen minderwertigen, verderbten Menschen mit einer hohen Würde zu bekleiden, während man einen Alleinherrscher leicht und mit tausend Mitteln dazu überreden kann.”
(Machiavelli 1977: 150 ff.)
Damit dieser Blog beim ‘global Village’ bleibt und nicht allzu sehr in das Thema Politik abrutscht, denke ich es genügt, wenn wir uns darauf einigen, dass die Kriterien für die Entscheidungsfindung im Netz durch die Community festgelegt werden und wenn nicht besonders vereinbart auf der Grundlage der öffentlichen Meinung innerhalb der Community beruhen.
An dieser Stelle möchte ich eigentlich zur Bedeutung der Identität zurück kehren. Sie ist der Schlüssel zu den Bewegungen im ‘global Village’. Schliesslich bilden sich über die Identitäten der Individuen die Communities. Um diese Identitäten irgendwie einordnen zu können, denke ich, ist die heute noch viel umstrittene Memetik ein sinnvolles Werkzeug. Diese Wissenschaft wird wahrscheinlich noch einigen Wandel durchmachen, aber wie es uns gelungen ist über die Vorstellung von Atomen die physische Welt besser zu verstehen, so erscheint es mir bislang noch sinnreich auch für die Psyche eine kleinste Einheit zu schaffen - nach Richard Dawkins also ein Mem. Brent Silby beschreibt eine memetische Einheit als den kleinsten Teil einer Idee oder eines Gedankens, den man kopieren kann, ohne dass er seine Bedeutung verliert, resp. eine Idee, die bei dem Kopiervorgang intakt bleibt. Brant Silbys einführender Text ins Thema ‘What is a Meme?’ finde ich noch gemütlich zu lesen.
Auch wenn wir Merkmale früherer Gesellschaften in uns tragen, so ist doch eines markant anders geworden und das ist die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen von statten gehen. Um diese Veränderungen beurteilen und/oder einordnen zu können, muss man sich über die globalen Ströme und ihre Prinzipien im klaren sein. Daher werde ich mich noch mehr mit Memetik und in diesem Zusammenhang wahrscheinlich auch mehr mit neuronalen Netzen beschäftigen.
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